24. März 2013

Mitgefühl

Es ist nicht so, dass ich Stimmen höre. Aber manchmal, beim Dösen in der Sonne oder kurz vorm Einschlafen, öffnet sich ein Fensterchen und ein knapper Dialog rempelt heraus oder eine Szene zappt ins Bewusstsein, einige Sekunden, kaum wahrzunehmen. Meist geht es um etwas, das erledigt werden muss, eine Verabredung, die ich vergessen habe einzuhalten, einen Auftrag, eine Antwort, eine Hilfe. Die Szenen sind derart flüchtig, dass ich eine Not habe, sie zu untersuchen – nicht einmal kenne ich die Menschen, die mich mit dem anscheinend dringlichen Versprechen verbinden, es sind Fremde, mit denen mich rein gar nichts verbindet, noch sind mir die Themen dieser Situationen vertraut. Während dieser Sekunden aber bedeuten sie mir alles, und ich weiß nicht wie um Himmels Willen ich sie jemals vergessen konnte.

Ein eiskalter Tag mit blauem Himmel. Von neun bis eins liegt das ausgeklappte Sofa in grellstem Sonnenlicht, gestern auch schon. Erst frühstücke ich auf der rechten Ecke, später lese in der Mitte, dann gegen zwölf schlafe ich ein bisschen linkseitig und genieße die Wärme, die durch die geschlossenen Fenster mein Gesicht erhitzt, die Augenlider, die Wangen, die Schultern, ein perfektes und friedliches Gefühl. Gestern gelang es mir, die dunklen Gedanken, die nachts aus dem Nichts aufgestiegen sind zu vertreiben. Liebende Güte. Aber hier auf dem Sofa mit all den Kissen und der verdammten Sinnlichkeit, da ist es wieder, das Fensterchen geht auf und schickt einen nagenden Satzfetzen los. Ich bleibe aufmerksam und versuche, nicht aufzuschrecken, nicht vollständig wach zu werden, damit Worte und Sinn nicht wieder entfliehen können.

Eine Frauenstimme mit einem nöselndem Vorwurf. Die Worte schon fast wieder weg, aber der Vorwurf bleibt. Es scheint, als gälte der Vorwurf mir. Darauf hin ein Reflex, der derart langsam aufblüht, dass er gut zu beobachten ist: Der Versuch, die Ungerechtigkeit, die in diesem Vorwurf steckt, wieder gut zu machen. Ich kenne ihn doch, diesen klagenden Tonfall mit seiner Beschreibung der Hilflosigkeit gegenüber der bösen Welt und einer Forderung nach Antwort. Und als könne ich irgendetwas dagegen tun, als hätte ich irgendeine besondere Kraft, die die Welt retten könnte, springe ich auf den Zug auf, zuhören, zureden, der Zug ist aber beladen mit Schuld, weil ich doch nicht helfen kann, nicht in diesem Fall und in keinem anderen, und ja, es ist die ängstliche Stimme aus vergangener Zeit, als ich vergeblich versuchte, stark zu sein, obwohl ich das Kind war und nicht sie.

Meine kindliche Schwäche ist aber jetzt nicht von Belang. Viel interessanter ist die Art, wie der Vorwurf so ganz ohne Umweg, so schnurstraks zu diesem meinem vergeblichen Dienstangebot gerinnt, als sei es eine mathematische Bedingung, dass beide zusammengehörten. Diese Stimmen (und die realen Menschen, für die diese Stimmen stehen, ja, erkenne sie genau) wissen das und nutzen das aus. Sie wissen genau, dass sich mein Mitgefühl so unmittelbar an ihr Leid koppelt, als wären beide eins.

Nur ich weiß es nicht. Zumindest weiß ich nicht, dass es nicht so sein muss. Das eine ist ihre Geschichte. Die andere ist meine Reaktion darauf und die sollte mir freistehen. Was sie aber nicht tut. Es ist wie der Pawlowsche Reflex, zeig mir dein Leid und ich fang an zu sabbern.

Mitgefühl entwickeln. In den buddhistischen Traditionen geht es darum. Ich habe mich immer gefragt und was mach ich dann mit all dem Mitgefühl? Obdachlose beherbergen? An fremden Krebsbetten sitzen und beten? Mein Erspartes spenden, das mich selbst durch magere Jahre bringen soll? Ich weiß es nicht.

Bloch, der Psychotherapeut aus dem Fernsehen, gespielt von Dieter Pfaff, erwiderte einem seiner Patienten Wir alle hatten eine schreckliche Kindheit. Das hat mir gefallen. Nüchtern und klar. Scheinbar leidenschaftslos. Ich schreib jetzt keine Liste, werde nicht sentimental oder wütend, aber ich erinnere mich, dass mein Mitgefühl ausgenutzt wurde. Mitgefühl ist kindlich, lieb und unschuldig. Es wurde oft benutzt, ohne dass ich den Missbrauch hätte durchschauen können.

Ein Kind muss nicht stärker sein als die Erwachsenen, aber aus irgendeinem Grund fühlte ich mich heimlich stärker und besser gewappnet als sie. Ich hatte einen anderen Blick auf die Dinge, schon immer, ich schaute auf sie herab, obwohl sie mir ständig Angst machten. Denn ich besaß etwas, das mich unsterblich machte.

Ich besaß die Ewigkeit.

Das 'Gelände' bietet halbwegs reuelose und teils einfallsreich bebilderte Texte, nach uraltem Rezept geschrieben, gesammelt, im Zeitstrahl gebannt und von aufständischen Dadaisten in letzter Sekunde gut geheißen.

Hier kommt ein Bild:

Swamiji

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