Mitgefühl

Es ist nicht so, dass ich Stimmen höre. Aber manchmal, beim Dösen in der Sonne oder kurz vorm Einschlafen, öffnet sich ein Fensterchen und ein knapper Dialog rempelt heraus oder eine Szene zappt ins Bewusstsein, einige Sekunden, kaum wahrzunehmen. Meist geht es um etwas, das erledigt werden muss, eine Verabredung, die ich vergessen habe einzuhalten, einen Auftrag, eine Antwort, eine Hilfe. Die Szenen sind derart flüchtig, dass ich eine Not habe, sie zu untersuchen – nicht einmal kenne ich die Menschen, die mich mit dem anscheinend dringlichen Versprechen verbinden, es sind Fremde, mit denen mich rein gar nichts verbindet, noch sind mir die Themen dieser Situationen vertraut. Während dieser Sekunden aber bedeuten sie mir alles, und ich weiß nicht wie um Himmels Willen ich sie jemals vergessen konnte.

Ein eiskalter Tag mit blauem Himmel. Von neun bis eins liegt das ausgeklappte Sofa in grellstem Sonnenlicht, gestern auch schon. Erst frühstücke ich auf der rechten Ecke, später lese in der Mitte, dann gegen zwölf schlafe ich ein bisschen linkseitig und genieße die Wärme, die durch die geschlossenen Fenster mein Gesicht erhitzt, die Augenlider, die Wangen, die Schultern, ein perfektes und friedliches Gefühl. Gestern gelang es mir, die dunklen Gedanken, die nachts aus dem Nichts aufgestiegen sind zu vertreiben. Liebende Güte. Aber hier auf dem Sofa mit all den Kissen und der verdammten Sinnlichkeit, da ist es wieder, das Fensterchen geht auf und schickt einen nagenden Satzfetzen los. Ich bleibe aufmerksam und versuche, nicht aufzuschrecken, nicht vollständig wach zu werden, damit Worte und Sinn nicht wieder entfliehen können.

Eine Frauenstimme mit einem nöselndem Vorwurf. Die Worte schon fast wieder weg, aber der Vorwurf bleibt. Es scheint, als gälte der Vorwurf mir. Darauf hin ein Reflex, der derart langsam aufblüht, dass er gut zu beobachten ist: Der Versuch, die Ungerechtigkeit, die in diesem Vorwurf steckt, wieder gut zu machen. Ich kenne ihn doch, diesen klagenden Tonfall mit seiner Beschreibung der Hilflosigkeit gegenüber der bösen Welt und einer Forderung nach Antwort. Und als könne ich irgendetwas dagegen tun, als hätte ich irgendeine besondere Kraft, die die Welt retten könnte, springe ich auf den Zug auf, zuhören, zureden, der Zug ist aber beladen mit Schuld, weil ich doch nicht helfen kann, nicht in diesem Fall und in keinem anderen, und ja, es ist die ängstliche Stimme aus vergangener Zeit, als ich vergeblich versuchte, stark zu sein, obwohl ich das Kind war und nicht sie.

Meine kindliche Schwäche ist aber jetzt nicht von Belang. Viel interessanter ist die Art, wie der Vorwurf so ganz ohne Umweg, so schnurstraks zu diesem meinem vergeblichen Dienstangebot gerinnt, als sei es eine mathematische Bedingung, dass beide zusammengehörten. Diese Stimmen (und die realen Menschen, für die diese Stimmen stehen, ja, erkenne sie genau) wissen das und nutzen das aus. Sie wissen genau, dass sich mein Mitgefühl so unmittelbar an ihr Leid koppelt, als wären beide eins.

Nur ich weiß es nicht. Zumindest weiß ich nicht, dass es nicht so sein muss. Das eine ist ihre Geschichte. Die andere ist meine Reaktion darauf und die sollte mir freistehen. Was sie aber nicht tut. Es ist wie der Pawlowsche Reflex, zeig mir dein Leid und ich fang an zu sabbern.

Mitgefühl entwickeln. In den buddhistischen Traditionen geht es darum. Ich habe mich immer gefragt und was mach ich dann mit all dem Mitgefühl? Obdachlose beherbergen? An fremden Krebsbetten sitzen und beten? Mein Erspartes spenden, das mich selbst durch magere Jahre bringen soll? Ich weiß es nicht.

Bloch, der Psychotherapeut aus dem Fernsehen, gespielt von Dieter Pfaff, erwiderte einem seiner Patienten Wir alle hatten eine schreckliche Kindheit. Das hat mir gefallen. Nüchtern und klar. Scheinbar leidenschaftslos. Ich schreib jetzt keine Liste, werde nicht sentimental oder wütend, aber ich erinnere mich, dass mein Mitgefühl ausgenutzt wurde. Mitgefühl ist kindlich, lieb und unschuldig. Es wurde oft benutzt, ohne dass ich den Missbrauch hätte durchschauen können.

Ein Kind muss nicht stärker sein als die Erwachsenen, aber aus irgendeinem Grund fühlte ich mich heimlich stärker und besser gewappnet als sie. Ich hatte einen anderen Blick auf die Dinge, schon immer, ich schaute auf sie herab, obwohl sie mir ständig Angst machten. Denn ich besaß etwas, das mich unsterblich machte.

Ich besaß die Ewigkeit.
bonanzaMARGOT - 25. März, 13:26

sicher hatte nicht jeder eine schreckliche kindheit!

keinekrabbe - 25. März, 15:42

Warum nicht?

Ich glaube, jeder hat ein Leid zu tragen. Ob groß oder klein, kann kein anderer beurteilen.
bonanzaMARGOT - 25. März, 16:01

ich glaube, dass es da schon einige abstufungen gibt, je nachdem, was man als kind erleben musste.
niemals ist alles friede freude eierkuchen. aber darum geht es nicht. es ist ein unterschied, ob man gewalt durch vertrauenspersonen (eltern) erfuhr oder nicht. es ist ein unterschied, ob man sexuell mißbraucht wurde oder nicht. es ist ein unterschied, ob man in kriegszeiten aufwuchs oder nicht. es ist ein unterschied, ob man im kinderheim aufwuchs oder nicht. es ist ein unterschied, ob man eine behinderung hat oder nicht. es ist ein unterschied, ob man in der schule gehänselt wurde oder nicht. es ist ein unterschied, ob man in armen verhältnissen aufwuchs oder nicht. es ist ein unterschied, ob man suchtkranke eltern hatte oder nicht. es ist ein unterschied, ob man psychisch kranke eltern hatte oder nicht ...
keinekrabbe - 25. März, 17:00

Selbstverständlich sind das Unterschiede.

Ob jemand auf dem Land oder in der Stadt aufwächst, in einem reichen Land oder in einem armen, in Europa oder in der dritten Welt. Der wesentliche Unterschied besteht für mich darin, wie das Kind die Verhältnisse empfindet, ob als Tragödie, die es lebensunfähig zurücklässt oder als Herausforderung, an der es wachsen wird.

Mein Schreiben zielt darauf ab zu erkennen, was Menschsein ausmacht, warum es Leid gibt und was es bedeutet, Leid zu empfinden anstatt Freude. Ich versuche, das persönliche Leid zu unpersönlichem zu machen, indem ich es durch Beobachtung verstehen lerne. Es liegt mir nicht daran, Schuld zuzuweisen und es mir in der Opferrolle bequem zu machen.

Wenn ich verstehen kann, warum die Eltern so und so gehandelt haben, welches ihr Antrieb und ihre Schwächen waren usw., dann kann ich doch gleichzeitig die ganze Welt verstehen – kurz gesagt. Nichts Geringeres wünsche ich mir jedenfalls.
bonanzaMARGOT - 25. März, 17:32

Bei allem Verständnis - grausame Gewalt, Folterungen und sexueller Missbrauch lassen sich niemals verzeihen. Die Opfer müssen lernen, mit diesen traumatischen Erfahrungen (aus der Kindheit) zu leben. Das ist schwierig genug.
Bei kleineren Unebenheiten des Lebens, wie wir sie alle mehr oder weniger erleben, stimme ich dir zu - es gibt kein Dasein ohne Leid, Fehler und Schuld.
keinekrabbe - 26. März, 10:32

Jedes Hass- und Rachegefühl

richtet sich letzen endes gegen einen selbst, denn es ist ja in einem, hat Besitz ergriffen und zersetzt alle liebevollen Regungen, die aus dem Herzen kommen könnten, wenn man sie nur ließe. Es tut gut, sich selbst lieb zu sein!
bonanzaMARGOT - 26. März, 10:40

ich sprach nicht von hass oder rache. ich sagte, dass sich manches nicht verzeihen lässt.
es gibt verletzungen, die irreparabel bleiben und einen immer an das geschehene unrecht oder an eine widerfahrene gewalt erinnern. mit dem täter kann es unmöglich eine versöhnung geben. das heißt nicht, dass man auf rache sinnt oder ihn hasst. und es heißt auch nicht, dass man sich selbst nicht mehr lieb sein kann.
es fehlt einfach ein stück des lebens, der seele. wie auch ein stück des körpers fehlen kann. es ist unwiederbringlich weg. man schließt seinen frieden damit - aber man kann unmöglich verzeihen.
keinekrabbe - 26. März, 10:53

Ich versteh' dich gut,

Herr Bo, wir haben bestimmt ähnliche Erfahrungen mit unterschiedlichen Gradationen in Schlimmheit.

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Das 'Gelände' bietet halbwegs reuelose und teils einfallsreich bebilderte Texte, nach uraltem Rezept geschrieben, gesammelt, im Zeitstrahl gebannt und von aufständischen Dadaisten in letzter Sekunde gut geheißen.

Hier kommt ein Bild:

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