Ferne

25. März 2013

Etwas mehr von Cornwall

Trevalga
Trevalga, Blick aus dem Fenster

Während die Frau Montez mit Siebenmeilenstiefeln die kornische Landschaft schreibend durcheilt, möchte ich gern am Wegesrand stehenbleiben und ein wenig verweilen, und zwar direkt am Southwest Coast Path, noch direkter in Trevalga, einem winzigen Örtchen zwischen Boscastle und Tintagel, klippenhoch gelegen mit weitem Blick nach Nord und Süd. Die Frau Montez selbst war es, die mich hierher geschickt hat. Und so fuhr ich zweimal in jenem Jahr 2011, im Frühjahr, da war das Wetter noch gräulich und so rauh, dass ich Angst hatte von schmalen Graten geweht zu werden, und dann nochmal richtig im Sommer, mit der Erwartung auf Baden im Meer und langen Wanderungen am Strand oder hoch auf den Klippen.

Ich lebte beide Male bei L., die in Trevalga ein rumpelig-gemütliches B&B betreibt, jeden Morgen aß ich englisches Frühstück, ohne dass es mir langweilig wurde, Haferbrei, Spiegeleier, Tomaten, Bohnen, hash browns, Toast und Marmelade. Nur auf Speck und Würstel verzichtete ich. Danach machte ich mich auf, entweder durch das Örtchen zum Coastal Path, von dort nach Norden oder Süden, so wie es mir gefiel oder an die Straße, um dem Bus zu winken, der mich meistens Richtung Norden fuhr, nach Crackington Haven oder noch weiter, nach Bude.

Crackington Haven sieht so aus wie der Name sich anhört: Wildes Gestein liegt irre am Strand herum, es hat mir buchstäblich den Atem genommen als ich aus dem Bus gestiegen war und von oben von der Straße kommend auf die Unordnung sah. Und dann runter und zwischen den Felsen herumlaufen, mit denen ein Riesenkind gespielt haben musste und vergessen hatte aufzuräumen. Noch imposanter allerdings ist der geologische Wahnsinn hinter Bude, Bude Strand, bei Ebbe läuft man kilometerlang auf plattem, hell- und dunkelbraun marmoriertem Sand, dort drüben dann diese dramatischen Verwerfungen in Zickzack, Brüchen, Rissen, Höhlen.
Bude
Strand bei Bude

Ich bin dort überall gewandert, habe alte Kirchen besucht mit ihren graveyards anbei, beinahe romantisch, und immer der Blick über das Meer, auch die Toten sollen es schön haben.

Wenn ich von den täglichen Stunden einsamen Wanderns zur Ruhe gekommen war, fehlte dann wieder mal die Stadt. Bude ist so eine kleine Stadt, in der man auf wenig Raum alles bekommt, was das Touristenherz von England begehrt. Ich kaufte mir einen Wetsuit und stiegt damit ins eisige Meer, der nächste Strand von Trevalga aus ist südlich, Bossiney Haven Beach, man muss jedesmal runter durchs Rocky Valley, dann wieder hoch auf die Klippen und dann mühsam direkt ans Wasser. Die Engländerinnen stehen so im Meer rum und quatschen und ich versuch's erstmal ohne Wetsuit, das Wasser ist arschkalt und brennt auf der Haut. 14 Grad, erfahre ich, so kalt bin ich noch nie geschwommen.
Bossiney-Beach
Bossiney Beach

Bei Flut steht das alles tief im Meer. Ich habe mir sagen lassen, dass der Tidenhub an der Steilküste ca. sieben Meter beträgt. Leben mit den Gezeiten, nach kürzester Zeit wusste ich meine Touren auf die Tide abzustimmen, am besten noch vor dem tiefsten Stand an den Strand, dann ist genug Zeit, um die tief klaffenden Höhlen zu untersuchen, gefährlich bei steigender Flut, die man unbedingt im Blick halten muss.
Felsen-mit-Hoehlen
Noch ist Zeit zum Spielen

In Boscastle, ungefähr 40 Minuten zu Fuß am Küstenpfad gen Norden, einen Cappucchino trinken, ein dickes Stück Möhrenkuchen mit Zitronenguss dazu, Zeitung lesen, Menschen beobachten und wieder 40 Minuten zurück, der Weg wurde mir vertrauter von Mal zu Mal.

Man kann sagen, dass ich jeden Felsen größere Klippe zwischen Tintagel und Bude kannte nach diesem Sommer. Ich bin einfach losgelaufen, Wind im Haar, sonnengebräunt, den Blick, wenn nicht auf den Weg, dann aufs Meer in die Ferne gerichtet, ein Wetter und ein Licht gab's da!, jeden Tag in anderen Farben. Die Pflanzen blühten üppig und in allen Bunttönen, Unmengen postkartenartiger Motive lagen in der Kamera. Ich freundete mich mit den Menschen an, mit L. und ihrem Freund, die für mich sorgten, mich ab und zu ins Pub nach Boscastle mitnahmen, gemeinsames Singen mit allen Einwohnern, es hätte nicht viel gefehlt und ich hätte meine Songs performt, natürlich habe ich mich nicht getraut.

Trevalga besitzt sogar eine Kirche, St. Petroc's. Am Sonntag ging ich dort zur Messe und auch sonst fand mich der Küster oft meditierend auf der mit rotem Samt bezogenen Bank, wenn er am Freitag die Heizung anwarf, damit die feinen Damen mit ihren jubilierenden Stimmen es am Sonntag comfortable hatten. Nach meinem allerletzten Spaziergang, als ich endlich doch noch einen Schwarm Delphine gesichtet hatte, sollte ich heulend in des Küsters Armen landen, sein vom Rasenmähen an der Kirchenmauer verschwitzes Unterhemd nahm auch noch diese Tropfen auf, I'm leaving tomorrow, es brach mir beinahe das Herz.
Moose
Moos hält sich am Fels fest.

Es schien ein einfaches Leben. Tagsüber wandern, Nachts schlafen, genügend essen, fotografieren. Ich wollte von allem weg. Mein Vater war im Januar gestorben und ich nahm ihn mit zu all den schroffen Felsen, von denen ich wusste, dass er sie auch lieben würde als eifriger Alpenkletterer, guck mal Papa, wie das hier aussieht! Während er in meinem Herzen mitreiste, konnte ich Abschied nehmen.
17. März 2013

Welches Wetter, welche Jahreszeit

Jetzt hat es doch wieder geschneit. An ähnliche Winter kann ich mich nicht erinnern. Nicht, dass es sie nicht gegeben hätte. Aber ich weiß nie, wie die Jahreszeiten der letzten Jahre waren. Kannst du dich noch an den Frühling vor einem Jahr erinnern? Nein. Vor einem Jahr war ich in Indien, erst war es kühl und man benötigte Jacken und später war es schon heißer und erstmalig die lärmende Aircon an. Und im Sommer war ich sehr oft draußen schwimmen, also war das Wetter sicherlich angenehm. Der Rest hat nicht viel mit Wetter zu tun.

Herausragend zum Beispiel der Sommer, in dem die WM stattfand. Es war wahnsinnig heiß und S. aus dem Vorderhaus brachte seinen Großbildschirm in den Garten und wir schauten gemeinsam die wichtigsten Spiele. Jeder der Nachbarn brachte kühle Getränke oder Obst mit, hauptsächlich Melonen aller Art, die waren das einzig Essbare bei der Hitze. Ich hatte eine Romanze mit S., wir teilten Frühstück und Abendbrot, morgens machte er Milchkaffee, nachdem ich von oben runter rief, dass ich gleich käme mit dem ayurvedischen Grießbrei, den er sich wünschte, am Abend bereitete er kleine überbackene Ziegenkäse, Salat und reichte Biere. Es war ein bisschen wie wohlwollend verheiratet sein und füreinander sorgen, aber ohne bedeutende Verliebtheit.

Oder die Frühsommerwoche in Helsinki bei dem finnischen Freund. Wir lagen lange am Strand und es war heißer als daheim in Deutschland. Ich nahm damals Johanniskraut, das macht lichtempfindlich, und bekam auf der rechten, der Sonne zugewandten Wange einen großen Fleck ungleichmäßiger Bräune, die das ganze Jahr nicht verblasste.

Welcher Winter? Als der Maschsee zugefroren war, das ist er allerdings öfter. Die wärmsten Kleidungsstücke waren die Motorradhosen mit Medima Wollunterhosen, Bergschuhen und mehreren Pullis, Jacken und Mänteln, Unbeweglichkeit über Wochen. Meine Schwester hatte diesen schrecklichen Freund, der dauernd ihren damals noch kleinen Sohn beschimpfte, und ich konnte nichts machen, denn der Mann machte mir Angst. Während eines Urlaubs in den Dünen warf er ein Gartentor nach ihr. Danach war gottseidank Schluss. Er arbeitete als Aufseher im Knast und später war er im Knast und wurde beaufsichtigt.

Und ein Herbst? Ich mit der XT 250 nach Köln auf der Bundesstraße, bei schönstem und sanftestem Wetter. 350 km, ich brauchte acht Stunden, die XT machte höchstens 105 km/h, und ich schaffte es nicht, auf den zweispurigen Abschnitten LKWs zu überholen, die 90 fuhren. Auf der Rückfahrt brauchte ich sieben Stunden, hab mir keine Pause gegönnt, außerdem brannte die Sonne auf die lederbehosten Oberschenkel.

Und der Winter Ende Februar, als ich nach sechs Monaten aus Hong Kong zurück kam. Es war der erste Sonnentag in Deutschland nach einem harten Winter und bis zum Spätsommer sollte es nicht mehr regnen noch Wolken überhaupt geben.

Die vielen Frühlinge und Herbste, in denen wir Kinder bei noch tiefer Sonne Rollschuh fuhren, entsprechend lange Schatten warfen wir. Die eineinhalb Jahre nach meinem Studium, morgens von vier bis sechs Zeitung austragen und nie hat es in der Zeit geregnet. Glück in leeren Straßen beleitet vom Geruch frischer Druckerschwärze. Reise mit T. nach Italien im Oktober. Kein Schnee in den Alpen und wir mit offenem Dach im Fiat Barchetta über den Brenner.

Die anderen Wetter verschwimmen. Motorrad fahren mit T. im Gewitter, von Blitzen umzuckt, so kam es mir vor. Rodeln im Park über Todeshuckel und durch Todeskurve. Schnee essen. Als ich klein war, nahm ich das Wetter, wie es kam, da gab es noch keine Sehnsucht nach anderen, vermeintlich schöneren Jahreszeiten. Wenn der Schnee taute, habe ich nicht verstanden, wieso das Rodeln nicht mehr ging, auf der Matsche, wo später dichtes Gras wachsen würde, in dem wir uns verstecken konnten.
architektur
Mittagsspaziergang an architektonischen Scheußlichkeiten

Ja. Vielleicht werde ich mich an den heutigen Spaziergang mit der Buddhistin erinnern, der uns durch's Viertel führt, wir beide schweigend, als hätten wir uns abgesprochen. Vielleicht wird dies aber auch der Winter sein, in dem ich oft glücklich war, indem ich viel geschrieben habe, weißt du noch, Mitte März noch richtig Schnee oder in dem ich lernte mich zu lieben. Oder ein Winter von vielen, auf dem Weg, weiterhin, so wie alle auf dem Weg sind zu sich, sommers und winters.
27. Februar 2013

Erinnerung zwischendurch

Eine der schönsten Unternehmungen, die ich mit A. erlebt habe, war eine zweitägige Paddeltour auf der Weser im Frühling. Hab ein bisschen in alten Fotos gestöbert und dabei dies gefunden:
Panorama-kl
Ich am Paddeln.
24. Dezember 2012

Ich muss los.

Zeit, noch ein wenig zu schreiben, bevor ich mit B. in die Heimatstadt fahre, um mit der Restfamilie zu feiern. Beutel und Behältnisse stehen bereit, sowieso ist alles vor vorn bis hinten vorbereitet, ich bin da immer manchmal recht emsig, sogar die Salatsoße.

Für einen Jahrsrückblick ist ja noch etwas Zeit, aber trotzdem befällt mich schon diese Resumeestimmung. Die letzten drei Monate waren einfach, ruhig und arbeitskonzentriert. Die ersten neun Monate habe ich mit dem Esoteriker verdaddelt. Müssen Beziehungen so sein, dass man das Gefühl hat, die wertvolle Zeit sei mit Gemeinsamkeiten bloß verplempert worden? Ich werde nicht mehr über spirituelle Themen reden, und sie schon gar nicht 'spirituell' mehr nennen. Natürlich, vieles habe ich begriffen, aber ich werde darüber schweigen. Vielleicht ein bisschen schreiben. Ansonsten leben, genießen, schauen, locker machen.

Zwischen den Jahren mach ich mich unerreichbar. Das war auch so ein Jahresthema, dieses ständige zur Verfügung stehen. Müssen oder wollen, oder nicht anders können ohne Schuldgefühle. Verfügbarkeit wird auch in anderen Bereichen reflektiert werden müssen, z. B. in der Sexualität, die schreib ich deshalb mal kursiv. Komische Glaubenssätze haben sich da verdichtet. Verfügbar sein, damit mich die Liebe auch erreicht. Sich freigiebig schenken und Verfügbarkeit also nochmal gedanklich durchdringen.

Mehr Motorrad fahren, mehr Pflanzen auf dem Balkon, früh im Jahr draußen schwimmen, notfalls mit Wetsuit. Nicht so viel Süßes. Fotos machen. Befreunden, Freundin sein…

B. ruft an, ob wir schon eher los und die schöne Landstrecke nehmen wollen. Na, dann. Irgendwie ist Weihnachten dann doch ehm,... schön.
13. Dezember 2012

Erdnussflips II

Fast eine Woche nichts geschrieben. Wollte mich ausbreiten über Carolin Emckes beeindruckendes Buch "Wie wir begehren", stundenlang versucht, meine Begeisterung mitzuteilen, was herauskam, war ein schwierig verschwurbelter Text, aus dem ich jeden persönlichen Bezug zu löschen versuchte, was ein Quatsch, es ist ja ich, die schreibt. Dabei Erdnussflips gegessen. Ich muss mich mal runderneuern.

Gleich mit der Bahn auf's Land zum Weihnachtsgedöns. Kleiner Spaziergang durch den Schnee. Punsch und Schrottwichteln stehen auf dem Programm. Jetzt schon Kopfschmerzen wg. schwierig verschwurbelter Schultermuskulatur.
2. Dezember 2012

Mehr nicht.

Jetzt sitze ich in der Küche und wenn ich so weitermache, sind die schokoladigen Walnuss-Rosinen-Dinger gleich alle. Draußen schneit es (nicht drinnen, wie auch). Durchscheinend weiß überzogen sind Dächer, Wege und Rasenflächen. Im Rücken die Heizung, draußen das Kalte.
Knallerbsen
So könnten auch Ihre Schneebälle aussehen.

Es kommen wieder mehr Gedanken, die letzten Tage waren dagegen sehr still. Die Busenfreundin J. hat in B. wieder mal ein Fotografie-Seminar belegt, aber als ich sie gestern anrufe, liegt sie mit beginnender Migräne auf der Liege. Ich versuche, sie durch Fröhlichkeit fernzuheilen, sonst, wenn sie daheim ist, schlüpfe zu ihr ins Bett, nehme sie in den Arm, wenn sie nicht grad kotzt, lege eine kühle Hand auf die wehen Stellen, wir jammern gemeinsam über ihr Kopfleid und das der ganzen Welt gleich mit und dann ist es auch schon wieder gut. Wenn man sich kennt, ist es leicht. Ich weiß, wie sehr sie sich selbst stresst, und manchmal bin ich ein bisschen böse, oder tue zumindest so.

Aber ihr Leben kann ich nicht ändern (wie auch). Von fern ist es einfach, über ein anderes zu urteilen. Nimm dir mehr Zeit für dich, denk nicht so viel über die Vergangenheit nach… Ich glaube, dass J. eine wirklich begabte Künstlerin ist, aber sie ist jetzt schon seit so vielen Jahren dabei, ihren Stil zu entwickeln – es scheint irgendwie gar keine Entwicklung zu geben, sondern es wirkt auf mich eher wie ein Versuch sich irgendwohin zu entwickeln, da gibt es kein konzentriertes Tun und Arbeiten, sondern der Output beschränkt sich auf die Ergebnisse der vielen uneinheitlichen Workshops. Vielleicht ist es ja auch ihr heimliches Konzept, aber natürlich weiß ich, wie wenig klar sie oft über ihren Arbeiten grübelt. Dann ist da noch das Tagesgeschäft in der Agentur, Geldverdienen, die Psychoseminare, die Vergangenheitsbewältigung, das Aufräumen des Messiearbeitszimmers, das kein Ende nimmt und wieder keine richtige Muße, um weiterzumachen, wieder eine Unterbrechung.

Fragt sich, was ich selbst für Ziele habe und ob ich alle meine Talente effektiv einsetze.

Wir lernen aneinander. Der Spiegel, den wir uns vorhalten, zeigt oft Erschreckendes, Ähnliches, nicht Erwünschtes. Mittlerweile haben wir uns ausgetobt, ich versuche, mich zurückzuhalten, sobald Unstimmigkeiten auftauchen, die ich schon schnell als zu mir oder zu ihr gehörig erkennen kann. Meine verneine ich, irgendwie, und ihre übersehe ich großzügig, geduldig.

Obwohl Geduld nicht meine Stärke ist. Ich wollte immer alles, oder zumindest vieles, und zwar sofort. Mit der Zeit ist das Wollen weniger geworden, die Wünsche übersichtlich und meist nicht von dieser Welt. Befreiung, Erleuchtung, Beenden des samsara, moksha.

Mehr eigentlich nicht.

Nachtrag – Ein Film (und was für einer!):
Samsara – Geist und Leidenschaft
Regie: Pan Nalin, gedreht im Jahr 2001 in Indien (Kashmir).

"I realize now that my task is not over.
And so I will be returning to samsara.
I know that we shall meet again.
Perhaps that when we do you will be able to tell me what is more important:
Satisfying one thousand desires
or conquering just one."

"How can one prevent a drop from ever drying up.
By throwing it into the sea."
23. November 2012

"You come from there."

Mama, wo komm' ich her? frag ich sie. Sie denkt wohl, au weia, jetzt kommt das mit dem Penis und der Vagina, oder vielleicht doch lieber Schwanz und Möse und erklärt mir langatmig was von, wenn Mann und Frau sich sehr lieb haben, dann bekommen sie ein Kind. Von wem? Und haben Tante L. und Onkel H. sich denn nicht lieb? (Die hatten nämlich keine Kinder.) Dochdoch, kommt sie ins Stottern und redet weiter irgendwas, das ich vergessen habe.

Sie hat meine Frage nicht verstanden. Keine Mutter und kein Vater verstehen je diese Frage richtig! In Wo komme ich her geht es nicht um langweilige biologische Vorgänge wie Sperma trifft Ei, ich wusste ja damals gar nicht, dass es sowas wie Fortpflanzung überhaupt gibt, sondern um Wo war ich vorher, Mama, bevor ich hier war?

Und so ist die Erinnerung an das Lächeln des indischen Astrologen, als er sagt You come from there eine ganz und gar wunderbar zufriedenstellende Antwort auf meine kleine Frage von damals. Italien!

Nur wenig begeistert mich mehr als sehr sehr alte Ruinen. Die Etrusker sind nochmal 2.000 Jahre älter als die Ägypter, das reicht schon, die ollen Steinhaufen sind toll, damals mit T., den ich hätte heiraten sollen, wir in Umbrien und all diesen Orten, die von Geschichte nur so quellen. Von mir aus auch das frühe Mittelalter, dunkle romanische Kirchen mit dicken Säulen und kleinen Fenstern. Die Frau Montez und ich auf der Insel Reichenau, da gibt es noch Originale:
romanisches
Ein paar alte Säulen.

Und jetzt muss ich noch ganz schnell erzählen, wie der Sohn meiner Schwester, als er so klein war wie ich damals, außer sich geriet, während wir alte Fotos aus unserer Kindheit ansahen, meine Schwester und ich in allen möglichen Posen im Garten, beim Spielen, beim Rumhängen. Und wo war ich da, schrie er und warf die Fotos durcheinander mit schwitzigen Händchen, wo bin ich da gewesen?

Du warst noch nicht hier, mein Kind. Aber jetzt bist du's. Willkommen.

Chutney ist auch bloß Marmelade mit scharfen Gewürzen.

Gerade bei Frau Montez auf Herrn Herrndorfs Blog gestoßen. Was für eine Sprache! Der Mann war mir fremd bisher, gleich morgen seine Bücher bestellen, auf jeden Fall Tschick. Beim Webstöbern ist mir aufgefallen, dass es ja die Große Woche des Todes bei der ARD ist. Ich habe grad die aktuelle Folge Dexter online angeschaut, das ist der serial killer, den alle so lieb haben. Auf Facebook hat er übrigens gut zwölfeinhalb Millionen Fans. Krasser kann ein Tag mit Medien nicht verlaufen. Der eine killt mal eben mit links einen Widersacher, der andere schreibt sich vor Todesangst die Seele aus dem Leib. Und bei Anne Will wird über Nahtoderfahrungen diskutiert.

Im Frühjahr, während der Reise nach Indien, besuchte unsere Gruppe einen vedischen Astrologen. In seinen unordentlichen Laden im Stadtteil Laxman Jhula in Rishikesh lud er uns und legte allen nacheinander für 700 Rupien das Horoskop aus. Er ist nicht nur ein Gelehrter, der anhand des Charts die Persönlichkeit beschreibt, sondern angeblich auch ein Sehender, der den Menschen direkt ins Gemüt blicken kann. Sogar die Yogis lassen sich von ihm beraten.
Astologie und Yoga
Das handgemalte Werbebanner.

Wir sollten Fragen bereit halten, aber mir fielen keine ein, die wichtig genug gewesen wären, einen Weisen damit zu behelligen. Liebe, Beziehungen, Arbeit, Eltern, all der Kram. Und so saß ich vor ihm auf dem zerlatschten Boden, gab nur meinen Namen und meine Geburtsdaten an und er tippte alles in sein Programm. Dann sang er einige Gebete und Mantren auf Sanskrit, dazu der Straßenlärm durch die angelehnte Tür und die Szenerie war weitab von feierlich und heilig.

Jetzt ohne ins Detail zu gehen, dazu war's zu intim. Er fing mit meinen Eltern an, ihre damatische Beziehung, die Todesursache meines Vaters, berichtete äußerst liebe Dinge über meine Schwester und ihren Sohn, von meinem idealen Beruf als Designerin, über meine Beziehungen, men come and go, come and go und damit gings direkt zur Sache. Damals mit T., es sei eine gute Zeit zum heiraten gewesen. Tja, denke ich, wenn er das nicht schon gewesen wäre… And the actual guy, der Esoteriker, es hätte vielversprechend begonnen, aber es sei ein stetes Auf und Ab, not good, und ich solle besser allein sein. Und dann sah der den Geräuschemann, er schaute ins Leere und er lachte, this man is crazy, er starrte weiter in den Raum und lachte noch mehr, als könne er nicht glauben, was er sah, sagte etwas, das mich sehr traf, ich musste ein bisschen zetern, er sah mich voller Mitgefühl an, it's good that you're over him. Naja. Jedenfalls. Ein paar Details über gesundheitliche Probleme folgten, aber meine Gesundheit sei stark, solange ich Yoga üben würde, und ich würde sehr alt. Die Zeit der Todesangst über das Ende des Körpers ist also noch ein bisschen hin. Ich solle nicht so viel denken, thinking, thinking, thinking und – bis nächstes Jahr warten, denn da würde eine very good relationship sein, a very good man, mit Prädikat. Hm. Meine Skepsis muss mir anzusehen gewesen sein. Ich solle so viel wie möglich reisen. Ob ich Italien mögen würde. Ja. Er lächelt: You come from there. Zum Schluss nimmt er meine Hand und hält sie eine Weile. Es ist schon erstaunlich, was er jeder von uns gänzlich ohne Vorkenntnis auf den Kopf zugesagt hat. M. solle sich im Übrigen von ihrem Mann trennen, und jedesmal wenn wir uns sehen, fragen wir nach, na, hast du dich schon getrennt? Sehr lustig.

Und so warte ich also auf's nächste Jahr, hallo Zukunft, und schaue mal, wie eine very good relationship sein kann. Manchmal fürchte ich, es ist schwer, sich auf meine Eigenarten ernsthaft einzustellen. Wahrscheinlich kann das nur a very good man. Wenn jemand mich vom Tagesaufablauf abhalten wollte, würde ich muffig, und wenn ich mich abhalten ließe, auch. Wenn jemand die falsche Musik hörte, müsste ich flüchten, und Haschisch rauchen und Tintenfischringe braten in meiner Küche darf auch niemand mehr. Aber das ist eine andere Geschichte.
22. November 2012

Flechten bzw. Tagesauflauf

Obwohl heute so ein schöner, sonniger und warmer Tag ist, muss ich jetzt mal fluchen und das mach ich hiermit: Fucking Hell! Wie oft habe ich schon dem Geräuschemann (aka Tontechniker) Farewell gesagt! Und immer wieder bekommt er mich. Heute gibt es eine Meldung von ihm, dass auf Grund von Näherkennenlernens einer Anderen unser loses Miteinander bestehend aus Mails mit erotischen Andeutungen, einer winzigen Hoffnung auf Zukunft und eventuellem Telefonsex (was für ein Wort, nun denn, es hat jedenfalls Spaß gemacht) neuerdings entfallen muss, bzw. sollte, weil, usw.

Wer wie ich in einer Familie aufgewachsen ist, die auf symbiotische Bindungen großen Wert legt, weiß, wie schwer es ist, einen nahen Menschen seinen Weg gehen zu lassen, wie unerträglich, nicht jeden seiner Gedanken zu kennen, nicht jedes Vorhaben gemeinsam zu beschließen. Mittlerweile durchschaue ich Wünsche nach Nähe und kann Formen von Zuneigung, sei es Liebe, Begehren, Freundlichkeit, auseinanderhalten, und Ablehnung, Angst oder Hass als beigemischte Gefühle erkennen, von denen Liebe begleitet werden kann.

Am Wochenende mit der Familie konnte ich wieder besser verstehen, wie lebenswichtig es für eine Gemeinschaft ist, sich gut zu verstehen. Da geschieht eine ungeheure Dynamik, sobald Verständnislosigkeit auftaucht, und daraus resultieren Fremdheit und Angst – wie kriegsbildend die sind! Man muss sich dauernd erklären, ich muss tatsächlich erklären, warum ich mich gesund ernähre, warum ich meditiere und die Butter koche, warum kein Fleisch aber Milch, und wieso ich überhaupt so lebe wie ich lebe. Und während ich mich erkläre, um ihnen die Angst zu nehmen und die Fremdheit, wird mir klar, wie kompliziert sich das alles anhört, die Disziplin, die Ernährung, der Tagesablauf, die geliebte Arbeit, die Meditationszeiten und wie einfach sich dagegen meine Lebensweise tatsächlich anfühlt.
Ganesha
Ein Tagesablauf, der Leben rettet: Hier verbrennen gerade 240.000 Ganesha-Mantras

Mein Vater hatte immer großes Interesse und Begeisterung an meiner Schreiberei gezeigt und wollte alles genau wissen und (mich) analysieren. Für ihn war es sicherlich die einzige Möglichkeit, in das Herz seiner Tochter zu schauen, die es gern versteckt hielt vor seinen zornigen Anwandlungen. Vielleicht war es ein Spiel, ihn mit Andeutungen zu foppen, ob ich mit Frau Ch. eine lesbische Beziehung unterhielt zum Beispiel, oder welche meine hellsten und welche meine dunkelsten Stunden waren. Alles schön lyrisch-symbolisch verpackt, soll er sich doch seine eigenen Gedanken machen über seine dunklen Stunden.

Tatsächlich wollte ich wohl damit die Familie retten. Es war keine bewusste Absicht, aber ich hätte es gern gesehen, wenn er über die Auseinandersetzung mit meinen Ideen meiner Mutter wieder nah sein könnte. Irgendwie. Das Männerbild, das ich aufgenommen habe, ist dieses, voller Ambivalenz. Sicherlich hat er mich geliebt, aber er wollte mich gleichzeitig fressen, er war der böse Wolf, dem ich am wenigsten trauen konnte.

Und so schlage ich jetzt mal kurzerhand einen fröhlichen Bogen zu dem Geräuschemann, der nur in der Ferne zu ertragen ist und jetzt ist die Andere da und saugt ihm noch das bisschen Zuneigung aus dem Schwanz Körper, deren er überhaupt fähig ist. Ich dachte, ich sei längst darüber hinweg, weil ich mein Männerbild geklärt weiß.

Aber da ist ja noch der Bruderkomplex…
9. November 2012

"Burg aus Schnitzel"

So eine sonderbare Phrase bekommt zu Ohren, wer sich unter Kinder begibt. In einem anderen Theater wurde 'Agentur pimpen' gespielt. Dazu fuhr ich hinaus auf's Land, durch den Wald, der buntlaubig lockt und über Straßen, die das veraltete Navi noch als Feld ausweist. Also, wo wollen wir hin. Mit Filzer und großflächigen Papierbögen zum Brainstorming. Wie ich schon im Frühjahr im Alleingang vorgemacht hatte, ist nun auch die Agentur, für die ich seit vielen Jahren als Freie arbeite, auf dem Selbst- und Neuerfindungstrip. Erst vorsichtige Versuche, sich zu definieren, dann im Verlauf der Stunden werden Wünsche wacher und großartige Adjektive und Substantive stehen zur Aquise. Am Ende ist das tischformatige Papier vollgeschrieben. Der Vorschlag, Kinder zu entführen und erst gegen Großauftrag wieder freizulassen, findet allgemein Gefallen.
Wir-Wollen-BEIDES
Wir wollen nicht nur 'alles', sondern 'beides'!

Das 'Gelände' bietet halbwegs reuelose und teils einfallsreich bebilderte Texte, nach uraltem Rezept geschrieben, gesammelt, im Zeitstrahl gebannt und von aufständischen Dadaisten in letzter Sekunde gut geheißen.

Hier kommt ein Bild:

romanisches

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