Philosophie daheim

8. März 2013

Huschen und hüpfen

Soso. Da schreibt man sich also die Finger wund und irgendwie ist das gar nicht so furchtbar. Ich habe Mama von dem Dialog im Eintrag weiter unten erzählt und währenddessen begreife ich, dass ich mich nicht mehr verstecke. Natürlich liest hier immer noch keiner von meinen real life-Freunden mit, es wäre mir mehr als peinlich, wenn die Busenfreundin erführe, wie ich auf ihr rumhacke. Also, ich verstecke mich jedenfalls nicht mehr mit meiner gnadenlos positiven Weltsicht, die höchstens nur noch durch Geräuschemänner zu erschüttern ist. Was ist eigentlich der Unterschied zwischen positiv und positivistisch? Ich verstehe diese Klaubereien nicht so richtig.

Am letzten Samstag jedenfalls ist mir der Geräuschemann durch's Sichtfeld gehuscht. Huschen war bestimmt nicht seine Absicht, und ich weiß auch nicht, ob er mich gesehen hat, denn ich saß mit der Buddhistin beim Bäcker und trank Schokolade mit ordentlich Sahne. Plötzlich, ich ahnte schon, dass er in der Stadt ist, taucht er auf. In meinem Stadtteil, auf meinem Markt! Mit Kind auf dem Arm, ganz kurz erspähe ich noch die zugehörige Mutter, also die neue allein erziehende Freundin, die dann hinter einem Stand verschwindet, und er trägt das Kind auf dem Arm, als könne es ihn vor der bösen Welt der vielen langweiligen Bekanntschaften, die er hier hat, schützen. Ein schmerzender Stich entsteht in meinem Herzen und breitet sich im ganzen Körper aus. Zum Glück rettet mich die Buddhistin, die mir ohn' Unterlass heilsame Affirmationen ins Ohr raunt und dann ist der Geräuschemann auch schon unsichtbar. Langsam legt sich der Aufruhr und ich kann wieder sprechen.

Wir zahlen dann und die Buddhistin beschließt, dem Geräuschemann hinterherzulaufen. Sag wenigstens hallo, verstecken ist blöd. Wir spazieren zweimal über den Markt, aber wir finden ihn nicht mehr. Nebenbei erklärt sie mir die Welt. Wir suchen immer das, was wir schon kennen, sagt sie lapidar.

Natürlich! Es ist so einfach. Die emotionale Achterbahn, die ich mit dem Geräuschemann gern bestiegen hatte (haha, wir haben uns gegenseitig gern bestiegen), kenne ich schon von immer. Von daheim, von den Eltern, ach mann, es ist so deutlich und gleichzeitig so langweilig. Wir suchen das, was wir kennen. Anziehung, Abstoßen, um Aufmerksamkeit buhlen, das Erregen genießen, wenn Entgegenkommen stattfindet, die schreckliche Leere, wenn es fort ist.

Daran denke ich den ganzen Tag und prüfe die Fakten auf Richtigkeit.

Am Abend werde ich großzügig belohnt. Es ist Hs Geburtstagsvorabend und die Busenfreundin und ich gehen zum Restesaufen in seine heimelige Wohnhöhle. Wir sind die zweiten bzw. dritten, vor uns nur T., der sofort Blickkontakt mit mir aufnimmt, du bist doch die mit dem finnischen Freund. Äh, woher weißt du das – und schon befinden wir uns mitten im anregendsten Gespräch seit… uhm… Menschengedenken nicht grad, aber seit, sagen wir… Erfindung des Telefons, seit, ähm… ach, lassen wir das. Jedenfalls reden wir knappe drei Stunden durch, locker, aufmerksam, und wirklich sämtliche Themen wenn nicht abhandelnd, so doch wenigstens streifend, die mich bzw. uns interessieren. Musik, Design, Philosophien, Vedanta, Samkhya, Aikido, und auch weniger Off-es, Finnland, Mücken, italienische Abstammungen, Technik, Singen, Klang, Buddhismus, Gleichgewicht, Leben, luzides Träumen, Sterben, Familie und sonst auch alles andere. Ganz ohne show-off, ohne Anzüglichkeit, ohne Blödsein.

Ich beginne, wieder Vertrauen zu fassen. Es kommen noch weitere Gäste, die Busenfreundin sitzt etwas weiter weg auf dem Sofa und muss über Beziehungen reden, worüber sie sich später beschwert. Davon merke ich nicht viel, denn T. und ich lassen uns erzählen wie auf einer kleinen Insel, mir ist kalt vor Glück und mir klappern die Zähne, ach, es ist bloß das offene Fenster, er steht auf und macht es zu. Eine selbstverständliche Ritterlichkeit. Sowas gibt es also. Mann, ich dachte, da wär' nur noch wenig zum Staunen.

Und? Weiter nichts. Zum Abschied eine Handbewegung zu mir zu H. zu ihm, die andeutet, dass wir über H. in Verbindung bleiben. Ich nicke und dann hüpfen die Busenfreundin und ich gelassen nach Hause.
26. Februar 2013

Liebende Güte

Es ist alles sehr ruhig in mir. Die Beziehungen zu den Mitmenschen blühen, auch wenn ich sie auf ein Mindestmaß eingeschränkt habe. Ich verbringe viel Zeit allein und genieße das. Einfach so. Morgens komm ich nicht aus dem Bett, weil es unter den zwei Decken herrlich ist, die Nase in der eisigen Luft bei geöffnetem Fenster. So lasse ich meine Gedanken schweifen und übe Liebende Güte. Die Buddhistin hat mich mit einem Podcast zum Thema versorgt, und seitdem versuche ich, erstmal mich mit Liebender Güte einzudecken. Es macht ja sonst keiner. Das ist schön. Die negativen Gedanken von Schuld und Blabla werden einfach umgedreht, das kennt man ja auch schon aus anderer psychohygienischen Arbeit, oder wie man sowas nennt.
Liebende Güte von Bäumen
Ein paar winterharte Bäume

Gestern in der Heimatstadt, bevor ich Mama besuche, auf einen Kaffee mit C., der alten Schulfreundin, ich berichtete. Die ist immer so gut. Ich erzähl' kurz von Selbstzweifeln, die mich angesichts einer fehlenden echten Küchenzeile manchmal plagen, da fällt doch das Essen immer zwischen Herd und Kühlschrank und Spüle und Herd, und sie lacht einfach nur, ich finde dich toll so wie du bist. So einfach ist das. Und seit sie meine Strickmütze gesehen hat, die ich von der Schlagzeugerin gekauft habe, strickt sie an einer eigenen. Das ist sehr süß. Wir sitzen uns gegenüber und ich schaue in ihre dunkelbraunen Augen, nur Frau Ch. hatte dunklere. Etwas an sehr dunkelbraunen Augen rührt mich immer. Meine sind ja eher heller mit einigem Grün drin. Ich hätt' gern mal einen Freund mit braunen Augen, den würd ich die ganze Zeit anglotzen und dann vernaschen. Nur der Appetitliche war braunäugig, aber ansonsten sehr blond überall, das hat nicht viel geholfen.

Fast ist es so, als wären C. und ich ein bisschen ineinander verliebt. Ohne das blöde Drumherum. Sie sagt mir immer so freundliche Sachen und auch ich komm' mal aus meiner Krebsschale raus und retoure ihre kleinen Komplimente. Sie hatte am Vortag Geburtstag und erzählt von ihren missratenen Schwiegereltern, die sie nicht eingeladen hat, und die auch von niemandem sonst gern eingeladen werden. Im Nu haben wir einen running gag über Bohnen, die im Garten keiner guten Schwiegertochter fehlen dürfen. Bei ihr fehlen sie allerdings, sie hat nichts Grünes, dabei ist der Garten voller Blumen, die zu allen Jahreszeiten blühen. Ein Fehler, wenn's nach den Schwiegereltern ginge und ich beschließe, ihr zum nächsten Besuch Bohnensamen mitzubringen.

Die Beziehungen blühen also. Mit Mama zusammen ist es auch recht schön. Unser Thema ist ja immer der Katholizismus. Letztens war sie sehr entsetzt, weil der Papst gekündigt hat, sie hat sogar ein bisschen weinen müssen. Ich gebe immer ordentlich kontra, nicht weil ich eine Ungläubige bin, sondern weil ich die Kirche für unnötig halte, die sich in die persönliche Beziehung der Menschen mit Gott einmischen will. Das versucht auch mein Cousin H. mit ihr zu diskutieren, der jeden Mittwoch mit ihr einkaufen geht und danach zum Kaffetrinken das Sofa besetzt. Sie hat eine Scheu, sich gegen H. durchzusetzen, weil der mit seiner Scheißlaune einfach nicht zum Aushalten sei. Die berühmte Scheißlaune der väterlichen Linie. H. sieht auch noch meinem Vater sehr ähnlich, auch hier das braunäugige Thema, allerdings durch Brille etwas verdeckt.

Mama sagt, ja, das sagt H. auch immer und ich, und ist das so falsch? Sie denkt immer lange darüber nach, ob wir nicht doch recht haben und man kann beobachten, wie ihr Glaube an die Kirche schon vorsichtig aufgeweicht sich präsentiert. Ein voller Erfolg also. Ich selbst treffe H. nicht so oft, weil ich seine Scheißlaune auch nicht mag. Jedenfalls, wenn wir so weitermachen, ist es vielleicht doch möglich, dass Mama noch moksha erreicht.

Manchmal erlaube ich mir eine Angst vor dem Moment ihres Todes. Ich versuche, mir vorzustellen, wie es sein wird, ob ich sie finde, oder der Nachbar zuerst aufmerksam wird und mich oder meine Schwester benachrichtigt. Wie ich dann ins Haus trete und sie dann schon leblos. Oder vielleicht stirbt sie auch, während wir alle zusammen sind, des Nachts, friedlich und wir können bei ihr sitzen und sie ansehen, bis es uns genügt. Ich hoffe nicht, dass sie vor sich hinsiecht wie in 'Liebe', einem äußerst fesselnden Film, traurig und schön zugleich. Ich erzähle Mama den Film, während wir, auf dem Weg in die Stadt zum Mittagessen, durch kreischende Kinderhorden uns zwängen, die zum Schulschluss ihr Aufgestautes rauslassen.

Liebende Güte. Davon kann es nicht genug geben. Ich entdecke, wie wenig Menschen mit sich selbst im Frieden sind. Immer etwas, wofür oder wogegen sie kämpfen, worauf sie mit Ironie und Boshaftigkeit reagieren. Der innere Dialog, der um die eigene Fehlerhaftigkeit und die der anderen kreist, nimmermüd'. Und sei's auch nur die eigene Speckrolle.
13. Februar 2013

Rückzug der Sinne

Verschiedene Aktivitäten im Außen und Innen. Auf twitter stellt sich mir die Frage, wieso Schreibern folgen, die in allen ihren Social Media-Accounts ähnliches von sich geben. Schnell ist die Timeline voll und man macht den ganzen Tag nichts anderes, als sich auf den neuesten Stand zu bringen. Wie sinnlos das ist! Ich hatte mir für twitter einen wirklich neuen, andersartigen Nick ausgedacht, auf den niemand käme. Ein Männername, unter dem ich gerne rumgepault hätte. Wie'n Kerl halt. Aber Gepaule scheint mir nicht zu liegen. Ich sehe die Dinge des Lebens meistens positiv. Dauernd im Nöselmodus unterwegs zu sein, lenkt den Blick bloß auf zu Benöselndes. Eigentlich war der Nick gedacht, bestimmten Musikern und Künstlern nicht nur zu folgen, sondern mit ihnen auch zu kommunizieren. Der Versuch an sich fördert andere Bedürfnisse zu Tage, die alten, schon Gekannten nach Aufmerksamkeit und Gegenliebe. Nie war es so einfach, jene scheinbar zu bekommen. Und gleichzeitig trotzdem stets in der Anonymität versteckt zu bleiben. Die Mühe umsonst. Die Erträge bei den anderen. Mir fällt nichts ein, was den beliebten Künstler in 140 Zeichen mir zugeneigt machen könnte. Keine schlauen Fragen, keine geistreichen Anmerkungen. Das Interesse am Leben der Anderen ist doch recht gering. Und an meinem, dem fremden noch geringer.

Sind doch die Sozialkontakte sowieso auf ein Minimum geschrumpft. Die Leserin, die Buddhistin, die Gärtnerin und, noch seltener, die Busenfreundin. Fast noch sehe ich die Mutter öfter als die erwähnten. Ich habe eine starke Abneigung entwickelt zugequatscht zu werden. Mit Informationen überhäuft zu werden, die ich nicht mehr koordinieren kann. 50:50 ist wunderbar, gegenseitig nachfragen und zuhören, alles fließt. Aber schon 70:30 ist fast unerträglich, weil die 30 % meinerseits bloß Fragen sind. Was ist aus der neuen Freundin des Exmannes der Bestenfreundin geworden? War die schwanger, oder war's die Frau des Appetitlichen, die mittlerweile zum dritten Mal niedergekommen ist? War der Schwiegervater der Leserin dement oder war's die Mutter von A.? Es ist ein bisschen peinlich, sich nach Monaten danach zu erkundigen. Ich werde einfach abwarten, was mir demnächst erzählt wird.

Mir selbst die Erlaubnis geben, das Leben der Freunde der Anderen nicht so wichtig zu nehmen. Notfalls eine schlechte Zuhörerin sein, die sich nichts merken kann. Notfalls unsozial sein. Auch nach Jahren kenne ich nicht alle Namen der befreundeten Nachbarn der Bestenfreundin, die entfernt wohnt, aber jene sprechen mich stets mit Namen an. Reise ich wieder heim, fallen sie sofort aus meinem Gedächtnis während der zwei Stunden Bummelfahrt. Auch Gesichter von schönen Menschen mit ebenmäßigen Gesichtern kann ich mir nicht gut merken. Da ist nichts, was mich fesselt, nichts Außergewöhnliches, beim nächsten Treffen nur eine wage Erinnerung, diesen Menschen schon mal irgendwo gesehen zu haben.

Übungen in der yogischen Tradition beschäftigen sich mit dem Beobachten, und der Identifikation nicht mit der eigenen Persönlichkeit, sondern dem ewigen und unsterblichen Beobachter, der nicht bewertet, sondern nur zusieht. Die Meditation wird sich anfangs mit der bloßen Erkennung des vorbeischwebenden Gedankens beschäftigen. Wem gehört dieser Gedanke. Niemandem. Es ist einfach ein Gedanke, der in meiner Aufmerksamkeit aus bestimmten Gründen auftaucht. Und wieder vergeht, wenn der Zeuge die Aufmerksamkeit zurückzieht zu sich selbst. Dieses selbst ist ES. Diesem ES ist alles eines, alles gleich – gleich wichtig, gleich unwichtig. Irgendwann kommt der Meditierende an jenen Punkt, an dem kein Gedanke mehr ist.

Damit stehe ich dazwischen. Ich kann nicht behaupten, dass mir diese Übung in Fleisch und Blut übergegangen ist. Dazu bin ich zu oft und zu gern (noch) mit der Welt, der Maya beschäftigt. Mit dem Körper, der gesund, mit der Persönlichkeit, die geschmeidig sein soll, mit den Geschichten der Menschen. Fernab dieses Tuns ist das Nichts. Es gibt Phasen, da ist dieses Nichts mir alles. Und es gibt Phasen, da fürchte ich dieses Nichts als Langeweile. Gestern. Gestern habe ich zehn Folgen Der letzte Bulle hintereinander weg gesehen. Notfalls behaupten, es wäre eine Meditation auf Körper, Hinterteile, Coolness und Sehnen nach. Beobachter sein, einfach glotzen.
21. November 2012

Familienbande

Das Treffen mit der Schulfreundin C. in der Heimatstadt hat also nicht stattgefunden wg. Krankheit ihrerseits, dafür hatte ich am Wochende genug Zeit, mich mit meiner Restfamilie zu beschäftigen. Normalerweise vermeide ich es, über Nacht zu bleiben, denn dieser fast stofflich zu fühlenden Atmosphäre von Symbiose 'Familie' möchte ich mich nicht gern lange aussetzen. Die Schwester reiste aus den Niederen Landen an, um ihren monatlichen Mutterbesuch abzuleisten und das ist stets eine gute Gelegenheit, sie zu sehen, denn ich fahre selten in ihre Stadt zum Rückbesuch. Die Gründe für meine Hollandvermeidung waren mir bisher nicht klar, aber sicherlich ist ein Grund das Rauchen, auch ihr Freund ist Freund des Tabaks und des – ich will es mal Sichgehenlassens nennen. Im Winter mit Katzenallergie in einer vollgequalmten und überheizten Wohnung zu sitzen ist mir ein Graus, natürlich hätte ich im Sommer fahren und ganztägig auf der Terrasse sitzen können, aber da war keine Zeit wegen des Esoterikers und den dauernden Frage-und-Antwort-Spielen.

Seit unser Vater vor knapp zwei Jahren seinen Körper verlassen hat, ist die Mutter allein. Die besten Freundinnen allesamt ebenfalls tot, hat sie nur noch uns Schwestern und einen Neffen von Vaters Seite, der sie wöchentlich zum Einholen fährt.

Es ist anstrengend, gebraucht zu werden. Mittlerweile gelingt es, aus den Pflichtbesuchen mir einen angenehmen Tagesausflug zu machen. Wir gehen in die Stadt, essen gesund, erledigen ein paar Dinge und besorgen Drogen Kuchen und zurück daheim sitzen wir noch auf dem Sofa zur Teestunde bei Kerzenlicht. Wir reden und schaffen es, gefährliche Themen zu umschiffen, weil ich mir verbitte, über den Vater herzuziehen und über die Vergangenheit. Das klappt mit uns beiden, aber wenn die Schwester dazukommt, finden wir keinen Halt und ergehen uns gemeinsam in teils hasserfülltem Erinnerungsaustausch, auch die Mutter kommt nicht zu kurz, und so wechseln Vorwürfe und Klugscheißereien ihre Adressaten über das, was wir falsch gemacht haben, was wir hätten besser machen können und wie wir gefälligst die Zukunft zu gestalten haben… usw.
hinterm-Mond
Hinterm Mond beginnt die Ewigkeit

Hinter all dem aber, jetzt fehlt mir das Verb… es lauert ja nicht – über alldem steht das Ende des Lebens. Es ist offensichtlich, dass die Mutter den größten Teil ihres Lebens hinter sich hat. Seit ich Vater am Totenbett beweinte, empfinde ich die Mutter als in ihrer Auflösung begriffen. Es ist kaum merklich, und so wie ihr die Lebenskraft langsam abhanden kommt, so still werden wir beide manchmal, wenn wir beim Tee sitzen. Es sind winzige Zeichen, vielleicht interessieren sie meine Geschichten nicht mehr ganz so sehr, vielleicht ist sie ein bisschen froh, dass ich am Abend wieder nach Hause fahre und freut sich auf das Alleinsein, wenn da niemand ist, der sie zu Körperübungen anregen will und in der Küche Kniebeugen vormacht. Sie möchte nicht üben, und es ist mir ein Leichtes, mich in sie einzufühlen.

Sicherlich hat das Gefühl der Stille und Sprachlosigkeit, das mich zur Zeit umfängt, mit ihr zu tun und liegt nicht nur am Herbst. Das Mit-Gefühl, alles erledigt zu haben, gelassen zur Ruhe zu kommen fern der Welt und zu warten – auf etwas.

Ich möchte dieses 'etwas' jetzt nicht mehr 'sterben' nennen. Nach alldem, was ich weiß und wonach ich lebe, bedeutet das Sterben des Körpers nicht 'sterben', sondern einfach das Ende des sinnlichen Erfahrens dieser Welt. Jemand hat es mal beschrieben als 'der Körper entfernt sich von mir'. Das fand ich schön. Was wird dieses 'ich' sein, dessen Körper sich entfernt? In meiner Meditation versuche ich oft, das Sterben die Erfahrung der Körperlosigkeit Ewigkeit vorwegzunehmen. Ich kenne nun die Substanz, aus der die Person besteht und ich kenne nun die Substanz, die übrig bleibt, wenn die Persönlichkeit 'fort' ist und die Geschichte aufgegeben wurde. Nein, da ist keine Leere, da ist kein Nichts, denn 'nichts' als null ist nicht möglich.

Doch davon ein andernmal. Das hier ist eh schon zu lang.
16. November 2012

Was heute aufregt (doch noch).

  1. Dass die Soldatin Buddhistin im israelischen Krisengebiet weilt und noch keine Nachricht gesendet hat. Vielleicht sitzt sie schon im Bunker rum oder in einer Betonröhre und hat keinen Empfang.
  2. Sicherlich ist es gut gemeint, YogalehrerInnen auszubilden, Yoga Vidya. Aber innerhalb von vier Wochen? Alle TeilnehmerInnen fanden 'es eine super Gelegenheit', in dieser Zeit 'tief in das Yoga und die ganzen Hintergründe einzusteigen'. Soso.
  3. Und wie geht die Tatsache, dass es (laut SZ von heute) in den Meeren zigtausend Arten von bekannten und beschriebenen Bewohnern gibt, und diese nur einen winzigen Teil aller Meerestiere ausmachen, die noch unbekannt sind, zusammen mit dem Wunsch, einen öden staubigen roten Planeten zu erkunden und dafür Gelder zu verbraten, die woanders... usw.
14. November 2012

Sternchen 61

Auf dem Gelände funktioniert jetzt die Türanlage, mit *61. Allerdings höre ich gerade, dass zwischen die beiden Türen noch ein Gitter gelegt werden muss, weil sonst wegen Überdrucks eine von beiden Türen nicht richtig schließt, und dann wäre ja der Trick mit 'der geschlossenen Haupttür' hinfällig. Hier also nun auch ein Bodengitter. Ein typografisches wird es zwar nicht sein. Aber das Leben ist ein Traum.

Für den kommenden Sonntagnachmittag habe ich mich mit der (damals besten) Schulfreundin C., von der ich im letzten Traum erzählte, in der Heimatstadt zum Kaffee verabredet. 35 Jahre später also. Der likeable Bruder, so konnte ich auf Facebook erfahren, hat eine Band und lange Haare. Die Musik finde ich solala, Jungsgefrickel, dem Sänger quetscht es die Stimme, die meisten Songs weit über der optimalen Länge von 3:11 min. mit vielen Bridges und Kram, ich weiß nicht.

Soweit ich mich an die Mädchenfreundschaft mit C. erinnere, ging es um Schule schwänzen und Musik hören, sicherlich auch Black Currant-Tee trinken, es gab da so einen Teeladen in der Stadt, der u. a. Esoterika verkaufte, gallonenweise wurde dort Tee getrunken und wieder verschifft, man saß auf Graskissen auf dem Boden, Häkeldecken auf niedrigen Bambustischen und darauf zartes Teegeschirr und alles war gut. Dort lernte ich meinen ersten richtigen Freund K. kennen. Wer jetzt denkt, er hieß Karl, der irrt sich nicht, er hieß sogar Karl-Heinz. Eine große Freundschaft mit nur wenigen Missverständnisssen. C. war damals irgendwie sauer: Schon wieder ein neuer Freund.

Ja, Cat Stevens, Pink Floyd, America, Simon & Garfunkel und natürlich jede Menge Beatles wurden konsumiert. Unser wichtigstes Schwänzutensil war der Plattenspieler. Die Wohnung meiner Freundin lag in der Altstadt, eingerichtet mit 70er-Jahre-Plastikmöbeln in orange und Flokatiteppichen, im Wohnzimmer stand ein Ofen, in der Küche machten wir den Gasherd an oder die Kochmaschine, ich weiß nicht mehr und der Rest der Wohnung war kalt. Von dem ganzen Teegetrinke und der Filosofiererei beschlugen uns die Fensterscheiben.
Mein-wichtigstes-Utensil
Mein aktuell wichigstes Utensil: Rechner an Stereoanlage plus Monitor incl. allerlei Lämpchen

Das hatte ich alles vergessen. Ich bin gespannt auf meine Freudin. Vielleicht mögen wir uns ja gar nicht mehr, schrieb sie auf Facebook, aber wir können es ja mal probier'n.

Machen wir.
12. November 2012

Sprachgitter

Dies sind bemerkenswerte Wochen der Sprachlosigkeit. Natürlich spreche ich (weil ich schreibe), aber ich spreche kaum über mich. Die Busenfreundin redet hauptsächlich über sich, jetzt am Wochenende war sie auf einem Seminar zum Inneren Kind. Sie wird sicher wieder viel zu erzählen haben. Die Buddhistin und ich sprechen oft über Übungserfahrungen, welche das 'ich' zu etwas Abstraktem machen ohne Zugehörigkeit. Das 'ich', die Persönlichkeit, hat zur Zeit keine besondere Bedeutung. Als sei da niemand zu Hause. Das ist nicht mal unangenehm. Die Welt wird weiterhin beobachtet und bespielt, da ist Genuss und Glück.
Rad-allein
Ein Rad allein.

Trotzdem gibt es einen Wunsch, innerhalb dieser Losgelöstheit und doch konträr zu ihr – nach Zugehörigkeit. Heute Nacht träumte ich von einer früheren Schulfreundin, wir sind in ein altes Haus gezogen, die Räume verbaut, Möbel oll und Fenster zugig, im Schlafzimmer grünblumige Frottee-Bettwäsche. Die ganze Zeit fragte ich mich, wieso ich bloß weg bin von meiner liebenkleinen Wohnung. Der Bruder der Schulfreundin, den ich damals sehr mochte, war ebenfalls da. Er zog mit ein und all unsere Freunde und Verwandten feierten dieses Ereignis. Es sollte auch ein handgeschmiedetes Bodengitter eingeweiht werden, eine Art Fußabtreter vor der Eingangstür. Es bestand aus eisernen Buchstaben, Wörtern und Zeilen. Ich nahm den Bruder an die Hand und zog ihn mit nach vorn, wir wollten das Gitter gemeinsam vorlesen zur Einweihung.
2. November 2012

Zitruswolken

Zen
Zen in der Kunst sich zu verlesen.

Ich mag Verleser. Ich hätte schon eine ganze Sammlung haben können, wenn ich nicht so nachlässig der Überzeugung wäre, mich später oder am nächsten Tag noch erinnern zu können, sobald ein Schreibutensil zur Hand wäre.
(Siehe auch: 'Aufständische Dadaisten', 'Zeitspray')
20. Oktober 2012

Zeitspray

Die besten Momente, so wünscht man sich des Öfteren, sollen nie vorbei gehen bzw. für immer sein. Verliebtheit z. B. oder schönes Wetter im Oktober, schöne Haut, der Verzehr von Lieblingsgerichten, Orgasmen und Selbsterkenntnishöhen. Bei Erfahrungen von Blödsein, bohrender Sehnsucht, Schmerz und anderen Unannehmlichkeiten hilft das Konzept der Vergänglichkeit weiter. Vergänglichkeit ist ewig. Einfach ein bisschen warten und in hundert Jahren ist alles vorbei. Was ein Glück!
16. Oktober 2012

Aufständische Dadaisten

In der Fremde ist alles schöner. Das Auge bewegt sich forwährend. Auf der Suche nach nie Gesehenem, nach morbider Farbigkeit und erstaunlicher Form, die Kamera ebenfalls stets offen, wachsen Neugier und Sammelleidenschaft. Ein einfacher Spaziergang gerät zum aufgeregten Stop and Go, Hin und Her, Auf und Ab, drumherum um jedes Dings, das rumliegt, jede Mülltüte ein Ereignis, nur ja nicht den Blick in die Public Toilet um die Ecke vergessen, dort der Wet Market, Orangen, Auberginen, Blattgemüse, den Fisch, das Fleisch, hinten das Meer, vorne drängeln Menschen in bunter Kleidung, mandelförmige Augen, ach wie schön, und dort der Sonnenuntergang, die Sprache, der Straßenlärm, Hitze, stickige Luft, oh, und das Essen, köstlich, jetzt nochmal eben in den Laden Andenken kaufen, rote Lampions, Skizzenbücher, Mobiltelefonanhänger. Alles zum Staunen, erregend anders, ich war auch da. Toll.
um-die-Ecke
Und zu Hause sieht es dann doch bloß wieder nur so aus.

Das 'Gelände' bietet halbwegs reuelose und teils einfallsreich bebilderte Texte, nach uraltem Rezept geschrieben, gesammelt, im Zeitstrahl gebannt und von aufständischen Dadaisten in letzter Sekunde gut geheißen.

Hier kommt ein Bild:

Rosa

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